![]() |
|||
Schlussbemerkung |
![]() |
|
Als wichtigste Gemeinsamkeit der vier Autoren gilt festzuhalten, daß ihren Werken der Glaube an die Persönlichkeit zugrunde liegt. Das Individuum könnte unter entsprechenden Umständen zu einer Identität finden; oder: kann zu einer den Umständen entsprechenden Identität finden. Dies gilt auch für Maron und Hein: besonders Claudias Reflexionen sind im "Spannungsfeld von Folie und Novum zu lesen... Die Folie bildet der bürgerliche Persönlichkeitsglaube." [166] Auch Marons Josefa könnte wie Claudia beim Leser zum Ende hin "wirkungsästhetische Rezeptionsimpulse entfalten". Peters, der allerdings bei seinem Fazit auch Marons Überläuferin (1986) miteinbezieht, ist sich dessen sicher [167]:
Die noch ausgeprägte Identifikationshaltung des Lesers gegenüber Josefa dürfte jedoch diese Freisetzung stark erschweren bis völlig in Frage stellen. Die Abkehr oder Resignation vor den Umständen, die zum Scheitern von Josefas Identitätswahrung beitrugen, stehen ebenfalls sehr im Vordergrund. Vom "betriebenen" Sozialismus geht keine Hoffnung aus; die Sorge und Aufmerksamkeit der vier Autoren gilt nicht mehr der Entwicklung einer Gesellschaftsordung, sondern ist gänzlich auf die Individuen fixiert, bei denen der Sozialismus nur noch den Grad des Selbstbewußtseins oder Selbstzweifels auf dem Weg zu einer Identität variieren kann. Identität wird nicht mehr allein durch die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse determiniert. Allen Romanen gemein ist der Held als zentrales Strukturelement. Einzig bei Hein bekommt die Protagonistin Claudia mehr und mehr den Status einer gestischen Figur: Der Gestus’ der Langeweile und Gleichgültigkeit, von allen ausgehend, entindividualisiert sie, schiebt sich als Strukturelement des Textes über die Person. Die Negation dieses Gestus durch den Leser bildet die pragmatische Dimension des Hein´schen Textes. Die Protagonisten haben einige Gemeinsamkeiten. Sie sind alle keine Arbeiter, und sie zeichnen ein desillusionierendes Bild der Arbeitswelt, besonders von körperlicher Arbeit. Alle finden sie des öfteren Trost im Alkohol, teilweise im Tablettenkonsum. Kinder sehen sie - zumindestens theoretisch - als gleichwertige Menschen an und sehen in ihnen nicht ein Surrogat für erlittene Schmach und Liebesentzug. Es mag Zufall sein oder nicht: die beiden Protagonisten, von denen der Leser annehmen kann, daß sie ihre Identität gefunden und gewahrt haben, ziehen ihre Kraft aus dem Privatleben, aus der Beziehung zu einem geliebten Menschen. Für Josefa und Claudia gibt es keine Trennung zwischen Privat- und Arbeitswelt. Josefas Totalitätsanspruch ermöglicht ihr nicht die Wahrung ihrer Identität nur durch den Bezug zu einer Welt. Für Claudia existiert eine solche Trennung nicht einmal in ihren Erwägungen. Ihr Lebenskonzept, ihre Ideologie der "Charakterpanzerung" (Peters) gilt immer, ganz gleich wo. So stellt Bernd Leistner [168] die einzige Erschütterung ihres Konzeptes als "die unerhörte Begebenheit" und zugleich Claudias Erzählanlaß heraus:
Nur bei Christoph Hein kann von einer Distanz des Autors zu seiner Protagonistin die Rede sein. Dies läßt David Roberts vom "abwesenden Autor" [169] sprechen. Er wählt diesen Ausdruck zwar um folgen zu lassen, daß so der Leser aktiviert werden soll, "Mitautor" zu werden, doch erscheint der Begriff etwas unglücklich gewählt. Für Brigitte Böttcher erscheint Claudia "mehr als Medium des Autors denn als eigenständige Figur, die Ich-Erzählerin als ein verdeckter auktorialer Erzähler." [170] Für Frank Hörnigk ist es gerade die "textimmanente Distanz zur Ich-Erzählerin", in der "der Standpunkt des Autors für die Rezeption durchlässig gemacht wird." [171] Der Standpunkt des Autors ist also allgegenwärtig, so daß die Rede vom "abwesenden Autor" mehr verwirrt als klärt. Loests Wülff und Claudia sind die einzigen Protagonisten, die als Ich-Erzähler ihre Zufriedenheit über ihr gegenwärtiges Leben artikulieren dürfen. Und das in der DDR. Der Vorwurf der subjektiven Übertreibung, die nicht das 'wahre Wesen der Epoche kennzeichnet', war vorprogrammiert. So verteidigen dann beide Protagonisten ihre persönlichen Erfahrungen im voraus. Wülff tut das in der auf Seite 22 zitierten Weise. Claudia schickt ihren Erinnerungen an den anzüglichen Sportlehrer folgenden Kommentar nach:
Doch die berechenbaren Argumente von Neubert und Bernhardt zu beiden Büchern waren vielleicht auch die Garantie ihres Erscheinens in der DDR. Becker und Maron mit ihren personalen bzw. auktorialen Erzählern konnten ohne 'relativierenden Einschübe' nicht veröffentlicht werden. Einem Ich-Erzähler konnten man das in seiner "fehlenden Übersicht" schon mal 'durchgehen lassen'. Während Hein auf Distanz zu seiner Protagonistin geht, setzt Loest auf Identifikation und Einfühlung seitens des Lesers. Wolfgang Wülff erscheint von den vorgestellten Protagonisten als der authentischste, lebendigste Charakter. Probleme mit der Identität sind auch nicht durch "Radiolämpchen" auszulösen. Ein Indiz für Identität ist der Umgang mit dem eigenen Namen. Im spöttischen Selbstgespräch erwähnt er oft seinen Namen, macht sich im Zusammenhang mit seiner neuen Gefährtin Gedanken um ihn. Claudia erwähnt ihren Namen nie. Er wird nur beiläufig von jemand anders erwähnt (78). Wülff trägt Züge eines Schelms. Sowohl auf Loest als auch auf Hein treffen Hans Kaufmanns [172] "ästhetischen Wertungen" zu:
Hein erhebt mit seinem Kommunikationsangebot an den Leser nicht den "Zeigefinger", legt ihn aber auf die Wunden jeder modernen und brüchigen Kommunität. Loests Buch schuf wichtigen und unterhaltsamen öffentlichkeitsersatz. Heins deutet darüber hinaus die Möglichkeit der Veränderung an. Eine wichtige Voraussetzung von Veränderungen in der Gegenwart ist ihm die Beschäftigung und Annahme der Vergangenheit. Daß Hein in der Figur der Claudia zwar ein Konstrukt, aber doch ein in dieser Form noch nicht dagewesenes schuf, illustriert unfreiwillig Wolfgang Emmerich [173]:
Doch Christoph Hein hat gute Gründe, den fremden Freund trotz "müder Blumen", "dreckigen Schnees" und jeder Menge umherstehender "Autowracks" "ein optimistisches Buch" zu nennen. Die Untersuchung der vier Prosawerke zeigte, daß die DDR-Autoren nicht d e n exemplarischen Protagonisten modellierten, der als Individuum im repressiven System "in seiner Verweigerung Authentizität erfährt". [174] Wäre es so, käme dem Sozialismus bei der Frage nach der Identität des Individuums eine große Bedeutung zu, - die er jedoch nie hatte und haben konnte. Das Individuum steht im Mittelpunkt der Autoren, mit oder ohne Sozialismus. Letzterer "spielt als Sinnzentrum keinerlei Rolle mehr". [175] Die Helden erscheinen authentisch und lebendig wie Wülff und Josefa, oder kommen als "Demonstrationsobjekt" daher wie Simrock und Claudia. Im Schlußbild könnte auch die betäubte Josefa als "Negativdemonstration" gesehen werden. Trotz ihrer Lebendigkeit und Authentizität stellt Josefa im zweiten Teil des Romans nicht mehr die Identifikationsfigur dar wie zu Beginn. Und obwohl der etwas "bescheidwisserische" Simrock nicht allzuviel Sympathie auf sich zu ziehen vermag, kann der Leser sich mit seinen Taten vollstens identifizieren. Zu ihrer Identität finden der spontane, lebendige Wülff wie auch der ideologisch denkende Simrock. Mit Claudia und Josefa sind die Protagonisten, die weit entfernt von einer Identität ohne Selbstzweifel sind, ebenfalls grundverschieden. Für das Formulieren einer Tendenz innerhalb der gesamten DDR-Prosa in ihren letzten beiden Jahrzehnten sind vier Autoren mit nur jeweils einem Werk nicht ausreichend. Das Anliegen dieser Arbeit war es, die Verschiedenartigkeit der Protagonisten aufzuzeigen. Mit unterschiedlichen künstlichen Mitteln und Strukturen schufen sie Protagonisten, die durch ihr Handeln oder in ihrer Wirkung auf den Leser an eine Persönlichkeit glauben lassen; an deren Möglichkeit der Identitätsfindung und Wahrung in einem repressiven System. Die vier Romane sind ein Stück DDR-Literatur auch deshalb, weil ihre Autoren von der Breitenwirksamkeit von Literatur überzeugt waren und diese Überzeugung in den Werken ihren Niederschlag fand. |